Deutscher Jugendliteraturpreis 2019 – Preisträger

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Polka für Igor
Iris Anemone Paul (Text),
Iris Anemone Paul (Illustration)

kunstanstifter
ISBN: 978-3-942795-70-8
24,00 € (D) , 24,70 € (A)
Originalsprache: Deutsch
Preisträger 2019, Kategorie: Bilderbuch
Ab 5 Jahren



Preisträger Bilderbuch
Praxistipp zum Download (PDF)
Jurybegründung

Igor war in seinen besten Jahren als Zirkushund unterwegs mit den ganz großen Künstlern und Artisten. Aber diese Zeiten sind vorbei. Jetzt lebt er bei Olas Lieblingstante. Er ist in die Jahre gekommen, schläft viel und riecht nach sehr altem Wollpullover. Wenn aber die Familie zusammenkommt und vom Schallplattenspieler die Polka-Klänge von früher ertönen, kommt Leben in den alten Igor. Mit großen Gesten schildert er seine glamouröse Vergangenheit beim Wanderzirkus. Atemberaubende Erlebnisse gibt er preis, und das Mädchen Ola ist seine aufmerksamste Zuhörerin. Wir werden mitgenommen in Igors großen Reichtum der Erinnerungen aus Wahrhaftigkeit, Flunkerei und Phantasie und wieder zurück in die geborgene Stimmung der Familie, in der er jetzt zu Hause ist.

Iris Anemone Paul legt Igor die Worte ins Mäulchen und zeigt Bilder dazu, die seine Zirkuswelt präsentieren. Sie begeistert, verwundert und verwirrt, sie führt uns auf schönste Art vor Augen, wie Erzählkunst sich entfalten kann, wenn Text und Bild in ästhetischer Spannung zueinander stehen. Nicht zuletzt der auf den ersten Blick etwas spröde Charme der wirkungsstarken Siebdrucke macht aus Igors Geschichte ein Gesamtkunstwerk.



Vier Wünsche ans Universum
Erin Entrada Kelly (Text),
Birgitt Kollmann (Übersetzung)

dtv Reihe Hanser
ISBN: 978-3-423-64044-2
14,95 € (D) , 15,40 € (A)
Originalsprache: Englisch
Preisträger 2019, Kategorie: Kinderbuch
Ab 10 Jahren



Preisträger Kinderbuch
Jurybegründung

Der 11-jährige Virgil ist extrem schüchtern und schafft es trotz aller Vorsätze nicht, seine Klassenkameradin Valencia anzusprechen. Valencia ist selbstsicher und unabhängig, aber fast taub, weshalb auch sie nur schwer Freunde findet. Damit nicht genug werden beide von Chet, einem Fiesling der übelsten Art, gemobbt. Unabhängig voneinander suchen Virgil und Valencia Hilfe bei Kaori, einem Mädchen, das anderen ihre hellseherischen Fähigkeiten anbietet. Auf dem Weg zu Kaori trifft Virgil auf Chet. Zufall? Oder Fügung? Fest steht, dass diese folgenreiche Begegnung das Schicksal aller verändert. Es kommt zu einem finalen Showdown im Wald, an dessen Ende die Kinder über sich hinauswachsen und ihre Ängste überwinden.

Die amerikanische Autorin Erin Entrada Kelly schreibt in kurzen Kapiteln, aus vier unterschiedlichen Perspektiven, von Resilienz, Freundschaft und Hoffnung. Überzeugend konstruiert und großartig miteinander verwoben, hat jede Figur ihre eigene Stimme und Geschichte. Mit viel Feingefühl und Respekt ist daraus eine fesselnde Erzählung entstanden, die lange nachklingt. Birgitt Kollmann hat das Buch ausdrucksstark und sensibel aus dem Englischen übertragen.



Extremismus
Anja Reumschüssel (Text)

Carlsen
ISBN: 978-3-551-31734-6
6,99 € (D) , 7,20 € (A)
Originalsprache: Deutsch
Preisträger 2019, Kategorie: Sachbuch
Ab 13 Jahren



Preisträger Sachbuch
Jurybegründung

Es ist trotz Taschenformat nicht zu übersehen, dieses rote Jugendsachbuch, das seinen Titel gleich auf dem Cover durch Kurztext und Bildsymbole definiert. Kein Schnickschnack, der vom wichtigen Anliegen ablenkt, eben Klartext – genauso verlangt es der Reihenname, unter dem Anja Reumschüssel ihr rechercheaufwändiges Buch veröffentlichte.

Sie verhilft durch übersichtliche, logisch-kausale Gliederung des umfangreichen Stoffes zu rascher Orientierung. Anschaulich und leicht verständlich definiert sie Begriffe (z.B. „radikal“), räumt wie nebenbei mit Klischees auf, analysiert akribisch genau diverse Erscheinungsformen des virulenten Phänomens „Extremismus“. Entstehungsmöglichkeiten – auch historisch – werden durchleuchtet und alle Untersuchungen durch treffende Beispiele (wie etwa „Rechtsextremismus“) belegt. Zudem überzeugt das Buch mit sauber nachprüfbaren Internet-Quellenangaben in einem zehnseitigen Anhang.

So gelingt es, die Fülle des Stoffes differenziert und doch angemessen reduziert abzubilden. Alle Überlegungen münden in der Frage: „Wie kannst du helfen?“ Auch hier folgt man gern dem Credo der Autorin, die für Aufklärung und Bildung plädiert. Ein Buch, das ein unmissverständliches Zeichen für Demokratie setzt.


Jurybegründung
In 18 Kapiteln schildert Gianumberto Accinelli die mitunter verheerenden Folgen menschlicher Eingriffe in das sensible Gleichgewicht der Natur. Die als „Dominoeffekt“ bezeichneten Kettenreaktionen im Ökosystem werden an teils dramatischen, teils kuriosen Beispielen veranschaulicht.

Mit seinen Fallbeispielen aus unterschiedlichen Kontinenten fordert Accinelli eindringlich zum respektvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen und zur Achtsamkeit gegenüber allen Lebewesen auf. Die komplexen ökologischen Zusammenhänge werden in flüssigem Erzählton beschrieben, die Gliederung in kurze Abschnitte mit Zwischenüberschriften trägt zur Verständlichkeit der Darstellung bei. Die kenntnisreiche Übersetzung von Ulrike Schimming wird diesem außergewöhnlichen „literarischen Sachbuch“ auch in der deutschen Ausgabe gerecht. Die künstlerisch anspruchsvollen Illustrationen von Serena Viola kommentieren phantasievoll den Text und verleihen ihm eine eigenwillige Leichtigkeit. Gezeichnete „Fäden“ durchziehen das gesamte Buch vom Vorsatz bis zum Schlusskapitel und machen symbolhaft deutlich, dass immer alles mit allem in Zusammenhang steht.
Gianumberto Accinelli (Text)
Serena Viola (Illustration)
Der Dominoeffekt
oder Die unsichtbaren Fäden der Natur
Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming
Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-5471-4
€ 19,00 (D) ,€ 20,60 (A) ,sFr 0,00

Ab 12



Kompass ohne Norden
Neal Shusterman (Text),
Brendan Shusterman (Illustration),
Ingo Herzke (Übersetzung)

Hanser
ISBN: 978-3-446-26046-7
19,00 € (D) , 19,60 € (A)
Originalsprache: Englisch
Preisträger 2019, Kategorie: Preis der Jugendjury
Ab 15 Jahren



Preisträger Jugendjury
Praxistipp zum Download (PDF)
Jurybegründung

Wie fühlt es sich an, wenn man tief im eigenen Kopf verloren ist? Mit viel Mitgefühl und Authentizität erzählt dieser Roman vom 15-jährigen Caden, einem ganz normalen Teenager. Er ist liebenswürdig und sympathisch, bis sich eines Tages alles verändert und er mehr und mehr abdriftet.
Zusammen mit seinem Sohn, der selbst von der Krankheit betroffen ist, beschreibt Neal Shusterman Cadens Wahrnehmung und wie es sich anfühlt, schizophren zu sein. Die Erkrankung wird mit all ihren Auswirkungen gezeigt. Die Sichtweise wechselt zwischen Cadens „realer“ Welt und seinen Wahnvorstellungen. Vor allem am Anfang ist die Verknüpfung dieser beiden Pole verwirrend und undurchsichtig, doch mit der Zeit kann man sie unterscheiden.
Der Schreibstil ist bedrückend und real. Das Chaos in Cadens Kopf wirkt beängstigend und poetisch zugleich. Es ist erschreckend, was eine psychische Erkrankung mit dem menschlichen Verstand anstellen kann. Diese Geschichte ist unglaublich wichtig, denn sie zeigt uns, welchen Kampf psychisch kranke Menschen immer wieder austragen.
Kompass ohne Norden sensibilisiert, macht Mut und klärt auf. Etwas ganz Besonderes und Einzigartiges.