Deutscher Jugendliteraturpreis 2018 – Preisträger

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Jurybegründung
Weil seine sechs Brüder von der Brautschau nicht zurückgekommen sind, macht sich auch der siebente und jüngste Bruder auf den Weg, um seinem Vater die Söhne zurückzubringen. Doch sein Abenteuer wird nicht leicht: Zum einen hat er nur ein klappriges und nicht sehr abenteuerlustiges Pferd, zum anderen findet er die Brüder schneller, als ihm lieb ist – und leider nicht in allerbestem Zustand. Sie stehen zu Stein verwandelt Seite an Seite mit ihren Bräuten vor der Höhle eines Trolls. Befreit können sie nur werden, wenn es gelingt, dessen Herz zu vernichten. Doch kann es ein einzelner, junger Prinz wirklich schaffen, den Troll zu überwältigen? Wenn nicht durch Körperkraft, dann doch vielleicht durch List?

Dieses norwegische Märchen hat Øyvind Torseter zu einer opulenten Graphic Novel inspiriert, in der er verschiedenste Illustrationsstile zu einem künstlerisch höchst anspruchsvollen, gelungenen Ganzen verbindet. Im Wechsel zwischen Panels und ganzseitigen Bildern entwickelt die Geschichte eine große Spannung, die auch die Übersetzung von Maike Dörries wiedergibt. Das Düstere des Märchens spiegelt sich in der dunklen Farbgebung; gleichzeitig aber begegnet Torseter dem Unheimlichen mit seinem witzig und karikaturhaft gezeichneten Helden und dessen sarkastischem Pferd. Ein außergewöhnlich kunstvolles Bilderbuch, das dem Betrachter einiges abverlangt – ihm aber auch unendlich viel bietet.
Øyvind Torseter (Text, Illustration)
Der siebente Bruder
oder Das Herz im Marmeladenglas
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Gerstenberg Verlag
ISBN: 978-3-8369-5900-1
€ 26,00 (D) ,€ 26,80 (A) ,sFr 0,00



Ab 9

urybegründung
Gute Erstlesebücher zu finden, ist schwer. Die Notwendigkeit, sprachliche Komplexität zu reduzieren, führt oft zu einer geringen Literarizität. Viele Grüße, Deine Giraffe bildet hier eine Ausnahme. Megumi Iwasa gelingt ein sprachlich einfacher Text, der literarisch gestaltet ist. Diese Wirkung ist auch der Übersetzung von Ursula Gräfe zu verdanken. Ganz nebenbei erklärt der Text überdies, wie Vorstellungsbildung beim Lesen funktioniert. Wie stellt sich ein Pinguin, der nur Wale und seinesgleichen kennt, ein Tier mit einem langen Hals vor? Die Prinzipien Wiederholung und Variation werden durch den Briefwechsel auf gelungene Weise in Szene gesetzt.

Viele Grüße, Deine Giraffe schließt dabei eng an die kindliche Erlebenswelt an, denn der Giraffe ist furchtbar langweilig in ihrer begrenzten und vertrauten Welt. Die Idee des Pelikans, einen Postdienst zu eröffnen und dabei den eigenen „Horizont“ im wortwörtlichen Sinn zu erweitern, setzt einen äußerst witzigen Briefwechsel in Gang, der in eine Reise von Afrika zum Südpol mündet und schließlich zu einer Begegnung führt, in der die eigene Vorstellungswelt revidiert werden muss.
Die Illustration von Jörg Mühle greift pointiert die Situationskomik des Textes auf und schafft eine eigene Atmosphäre mit vielen witzigen Details.

Megumi Iwasa (Text)
Jörg Mühle (Illustration)
Viele Grüße, Deine Giraffe
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Moritz Verlag
ISBN: 978-3-89565-337-7
€ 10,95 (D) ,€ 11,30 (A) ,sFr 0,00

Ab 6


Jurybegründung
Mimi wächst in den 1980er und 90er Jahren in einem Ort in der brandenburgischen Provinz auf. Jahre nach der Wende erinnert sie sich an ihre Kindheit und ihren Freund Oliver, der sich später selbst „Hitler“ nennt und als Neonazi die rechtsradikale Jugend des Ortes um sich schart.

Präkels faszinierender, autobiografisch gefärbter Roman erzählt mit dokumentarischer Genauigkeit vom Aufwachsen in der DDR, den Vorboten der Wende und ihren Folgen. Authentisch schildert sie die Alltagskultur der DDR und führt am Beispiel von Mimis Familie eindringlich vor, welche tiefen Spuren die Auflösung des sozialistischen Staates in den Biografien der Menschen hinterlässt. Vor allem erzählt Präkels aber davon, wie rechtes Gedankengut, Wut und Hass in der einstmals ländlichen Idylle um sich greifen, wie aus Kinderfreunden Täter, wie aus Oliver „Hitler“ werden konnte.

Präkels porträtiert eine Generation, die den Niedergang der DDR abseits der Großstädte weniger als Befreiung denn als widersprüchliches gesellschaftliches Ereignis erlebt. All dies gelingt ihr mit einer mal sachlichen, mal poetischen Sprache, die den Lesern Mimis Kindheitserinnerungen ebenso anschaulich vor Augen führt wie die zunehmende Beklemmung und Angst angesichts rechter Gewaltexzesse in der Wendezeit. Gerade in dieser Hinsicht ist Präkels‘ beeindruckender Roman über das Jungsein in erschreckender Weise aktuell.

Manja Präkels (Text)
Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
Verbrecher Verlag
ISBN: 978-3-95732-272-2
€ 20,00 (D) ,€ 20,60 (A) ,sFr 0,00

Ab 16


Jurybegründung
In 18 Kapiteln schildert Gianumberto Accinelli die mitunter verheerenden Folgen menschlicher Eingriffe in das sensible Gleichgewicht der Natur. Die als „Dominoeffekt“ bezeichneten Kettenreaktionen im Ökosystem werden an teils dramatischen, teils kuriosen Beispielen veranschaulicht.

Mit seinen Fallbeispielen aus unterschiedlichen Kontinenten fordert Accinelli eindringlich zum respektvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen und zur Achtsamkeit gegenüber allen Lebewesen auf. Die komplexen ökologischen Zusammenhänge werden in flüssigem Erzählton beschrieben, die Gliederung in kurze Abschnitte mit Zwischenüberschriften trägt zur Verständlichkeit der Darstellung bei. Die kenntnisreiche Übersetzung von Ulrike Schimming wird diesem außergewöhnlichen „literarischen Sachbuch“ auch in der deutschen Ausgabe gerecht. Die künstlerisch anspruchsvollen Illustrationen von Serena Viola kommentieren phantasievoll den Text und verleihen ihm eine eigenwillige Leichtigkeit. Gezeichnete „Fäden“ durchziehen das gesamte Buch vom Vorsatz bis zum Schlusskapitel und machen symbolhaft deutlich, dass immer alles mit allem in Zusammenhang steht.
Gianumberto Accinelli (Text)
Serena Viola (Illustration)
Der Dominoeffekt
oder Die unsichtbaren Fäden der Natur
Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming
Fischer Sauerländer
ISBN: 978-3-7373-5471-4
€ 19,00 (D) ,€ 20,60 (A) ,sFr 0,00

Ab 12