Leipziger Buchmesse 2020 – Shortlist

BelletristikSachbuch/EssayistikÜbersetzung


Verena Günther
Power

Die junge selbstbewusste Kerze lebt in einem von Wald und Feldern umgebenen Dorf, das kaum mehr zweihundert Bewohner*innen zählt. Kerze verteidigt ihr Dorf gegen den Schwund, sie ist hier fest verwurzelt. Als eines Tages Power, der Hund ihrer Nachbarin Hitschke, verschwindet, verspricht Kerze, ihn wiederzufinden. Ihrer Suche schließen sich nach und nach immer mehr Kinder an. Als diese schließlich im Wald verschwinden, erklärt die Dorfgemeinschaft den Ausnahmezustand. Verena Güntner erzählt in ihrem Roman die Geschichte einer Radikalisierung und davon, was mit einer Gemeinschaft geschieht, die den Kontakt zu ihren Kindern verliert.


Bettina Hitzer
Krebs fühlen

Die Diagnose Krebs war früher ein Todesurteil und löst bis heute bei Patienten und Patientinnen Angst und Schrecken aus. Die Wahrnehmung dieser Gefühle hat sich aber im Laufe der Zeit stark verändert. Empathie und Hoffnung spielen heute eine größere Rolle, Patienten und ihre Angehörigen lassen sich ein auf die Emotionen, die die Erkrankung auslösen. Diese Revolution der Gefühle hat die Medizin und die deutsche Gesellschaft erstaunlich gewandelt. Bettina Hitzer schildert am Beispiel von Krebs, dem „König aller Krankheiten“, kulturhistorische Zusammenhänge zwischen Krankheit und Gefühl, die bisher kaum beachtet wurden.


Pieke Biermann: übersetzte aus dem amerikanischen Englisch: "Oreo" von Fran Ross

Über das Buch

OREO von Fran Ross ist ein bereits in den 70er Jahren erschienenes, kaum beachtetes, dann wiederentdecktes und jetzt übertragenes Buch über kulturelle Identitäten. Seine Autorin wurde 1935 als Tochter eines jüdischen Vaters und einer schwarzen Mutter geboren – wie ihre Romanheldin, die 16-jährige Christine, genannt „Oreo“, die sich in New York auf die Suche nach ihrem Vater begibt. Dort trifft sie unglaubliche Leute: einen „Reisehenker“, der Manager feuert, einen Radio-Macher, der nicht spricht, einen tumben Zuhälter und endlich auch ihren Vater. Nicht jeder ist ihr wohlgesinnt. Aber Oreo überlebt alles dank ihres selbsterdachten Kampfsports WITZ.


Maren Kames
Luna Luna

Luna Luna ist ein dunkler Text – rasant, rasend und atemlos und spricht von tief innen aus dem weit offenen Gaumenraum heraus. Es geht um die dünne Wand zwischen Traum und Trauma, um dünne Haut, um eine Gans aus Pappmaché und den Bären, den sich eine aufbindet, um sich gegen den Wind zu schützen. Ums Verlieren und Verletzen geht es. Um einen Krieg, der vielleicht nie stattgefunden hat und doch in jeder Pore präsent ist. Über allem hängt die Luna, ein Fixpunkt für die Höhe der Sehnsucht, leuchtend, wahnsinnig und selbst rastlos. Eine Luna, die am Ende in einem Sturz aus ihrer Umlaufbahn heraus aufs Wasser fällt wie ein glühender Ofen.


Miachel Martens
Im Brand der Welten

„Für die epische Kraft, mit der er Motive und Schicksale aus der Geschichte seines Landes gestaltet“, wurde Ivo Andrić 1961 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Michael Martens zeichnet in seiner Biografie einen außergewöhnlichen Lebensweg nach: Er führt von der Kindheit in Bosnien über das Attentat von Sarajevo 1914 bis zu Andrićs Zeit als Diplomat des Königreichs Jugoslawien in Hitlers Berlin. Diesen bewegten Zeiten folgten Jahre im von den Deutschen okkupierten Belgrad, als Andrić in völliger Zurückgezogenheit die großen Romane schrieb, die ihm Weltruhm einbringen sollten.


Luis Ruby: übersetzte aus dem brasilianischen Portugiesisch: "Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau. Sämtliche Erzählungen I" von Clarice Lispector

Über das Buch

Idalina sucht einen Weg zwischen Vernunft und Leidenschaft, Luísa ringt um innere Stärke und Tuda um ein Leben ohne Therapeuten. Teenager erleben das Erwachen ihrer Sexualität und künstlerischen Kraft, gelangweilte Hausfrauen den Einbruch des Außergewöhnlichen in ihre einförmige Existenz. In ihren Erzählungen lotet Clarice Lispector die Paradoxien des Daseins und die Grenzen des Sagbaren aus, wenn sie das Innerste ihrer nur auf den ersten Blick alltäglichen Figuren nach außen kehrt. Der von Luis Ruby übersetzte Band wartet mit vierzig teils erstmals ins Deutsche übertragenen Geschichten auf.


Leif Randt
Allegro Pastell

Die Berliner Autorin Tanja wird bald dreißig und wartet auf eine explosive Idee für ihr neues Buch. Ihr Freund, der gefragte Webdesigner Jerome, bewohnt in Maintal den Bungalow seiner Eltern und versucht sein Leben zunehmend als spirituelle Einkehr zu begreifen. Die Fernbeziehung der beiden wirkt makellos. Sie bleiben über Text und Bild eng miteinander verbunden und besuchen sich in ihren jeweiligen Realitäten. Ihr Umfeld spiegelt ihnen ein Leid, gegen das beide weitgehend immun bleiben. Doch der Wunsch, ihre Zuneigung zu konservieren, ohne dass diese bieder oder schmerzhaft existenziell wird, stellt das Paar vor eine große Herausforderung.


Armin Nassehi: "Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft"

Wir glauben, der Siegeszug der digitalen Technik habe innerhalb weniger Jahre alles revolutioniert: unsere Beziehungen, unsere Arbeit und sogar die Funktionsweise demokratischer Wahlen. In seiner neuen Gesellschaftstheorie dreht Armin Nassehi den Spieß um und zeigt jenseits von Panik und Verharmlosung, dass die Digitalisierung nur eine besonders ausgefeilte technische Lösung für ein Problem ist, das sich in modernen Gesellschaften seit jeher stellt: Wie geht die Gesellschaft, wie gehen Unternehmen, Staaten, Verwaltungen, Strafverfolgungsbehörden, aber auch wir selbst mit unsichtbaren Mustern um?


Andreas Tretner: übersetzte aus dem Bulgarischen: "Die Sanftmütigen" von Angel Igov

Über das Buch

DIE SANFTMÜTIGEN war in Bulgarien eine kleine Sensation, weil es ein historisches Tabu aufgreift, dem die bulgarische Literatur die längste Zeit ausgewichen ist: die sogenannten „Volksgerichte“ von 1944/45, die die früheren Machthaber in Schauprozessen nach Moskauer Vorbild aburteilten. Mit viel Witz erzählt Angel Igov, wie der junge Dichter Emil Strezov 1944 unversehens Ankläger am bulgarischen Volksgericht wird. Strezov ist ein proletarischer Jungpoet aus der Provinz, der in atemberaubender Dynamik erst zum Mitläufer, dann zum Kader und eilfertigen Ankläger im Dienste des neuen Terrorregimes wird.




Ingo Schulze
Die rechtschaffenden Mörder

Wie wird ein aufrechter Büchermensch zum Reaktionär – oder zum Revoluzzer? Dieser Frage geht Ingo Schulze in seinem neuen Roman nach. Norbert Paulini ist ein hoch geachteter Dresdner Antiquar; bei ihm finden Bücherliebhaber Schätze und Gleichgesinnte. Auch in den neuen Zeiten, als die Kunden ausbleiben, versucht er, seine Position zu behaupten. Doch plötzlich steht ein aufbrausender, unversöhnlicher Paulini vor uns, der beschuldigt wird, an fremdenfeindlichen Ausschreitungen beteiligt zu sein. Die Geschichte nimmt eine virtuose Volte: Ist Paulini ein Reaktionär oder ein Revolutionär, eine tragische Figur oder ein Mörder?


Julia Voss: "Hilma af Klint – »Die Menschheit in Erstaunen versetzen«. Biographie"

Die schwedische Malerin Hilma af Klint schuf mehr als 1000 Gemälde, Skizzen und Aquarelle und hat die Malerei revolutioniert. Schon vor Kandinsky oder Mondrian malte sie abstrakte Werke, die durch ihre Farben und Formen zutiefst beeindrucken. Und sie war eine Frau von großer Freiheit und Zielstrebigkeit, die sich bewusst den Regeln des männlich dominierten Kunstbetriebs entzog. Auf Basis umfangreicher Recherchen erzählt Julia Voss jetzt das ungewöhnliche Leben dieser Ausnahmekünstlerin und zeichnet zugleich das Bild einer Epoche, in der die weltpolitischen Umbrüche nicht nur die Malerei revolutionierten.


Melanie Walz: übersetzte aus dem Englischen: "Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz" von George Eliot

Über das Buch

MIDDLEMARCH, der berühmteste Roman von Mary Ann Evans, die unter dem männlichen Pseudonym George Eliot auftrat, gilt bis heute als Höhepunkt englischer Romankunst des 19. Jahrhunderts. Das Buch, mit scheinbar leichter Hand geschrieben, zeichnet ein lebhaftes Gemälde von den Skurrilitäten der englischen Provinz und ihrer Bewohner. Die unterschiedlichen Handlungsstränge sind geschickt miteinander verwoben, die Mischung aus Realismus, farbiger Personenzeichnung, psychologischer Einfühlung, naturwissenschaftlichem und philosophischem Interesse sowie historischem und sozialgeschichtlichem Bewusstsein ist virtuos.




Lutz Seiler
Stern 111

Zwei Tage nach dem Fall der Mauer verlassen Inge und Walter Bischoff ihr altes Leben – die Wohnung, den Garten, ihre Arbeit, das Land. Sie folgen einem „Lebensgeheimnis“, von dem selbst ihr Sohn Carl nichts weiß. Dieser verweigert den Auftrag, das elterliche Erbe zu übernehmen, und flieht nach Berlin. Er lebt auf der Straße, bis er in den Kreis des „klugen Rudels“ aufgenommen wird, einer Gruppe junger Frauen und Männer, die dunkle Geschäfte, einen Guerillakampf um leerstehende Häuser und die Kellerkneipe Assel betreibt. Dort schlingert Carl durch das Chaos der Nachwendezeit, stets in der Hoffnung, seine einzige Liebe Effi wiederzusehen.


Jan Wenzel zusammen mit Anne König, Andreas Rost u.a. (Hg.): "Das Jahr 1990 freilegen"

Die großformatige Publikation DAS JAHR 1990 FREILEGEN bringt die verschiedenen Aspekte und Tiefenschichten dieses Jahres hervor, in dem alles rasend schnell anders wurde und das im kollektiven Gedächtnis zwischen Mauerfall und Einheit erstaunlich unterbelichtet blieb. Jan Wenzel und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben Bild- und Textdokumente sowie Geschichten aus den Archiven des Schlüsseljahrs 1990 hervorgeholt und beschenken die Leserin und den Betrachter mit unglaublichen Leseerfahrungen und (Wieder-)Entdeckungen. Nicht zuletzt erschließen sich Zusammenhänge, die erst im Nebeneinander offenbar werden.


Simon Werle: übersetzte aus dem Französischen "Der Spleen von Paris. Gedichte in Prosa sowie frühe Dichtungen" von Charles Baudelaire

Über das Buch

Baudelaire gehörte zum poetischen Prekariat des Zweiten französischen Kaiserreichs. Und er schrieb über prekäre Existenzen: über Trinker, Bettler, Huren und Tagelöhner. Simon Werle hat nach den FLEUR DU MAL nun auch Baudelaires zweite große Gedichtsammlung ins Deutsche übertragen: LE SPLEEN DE PARIS. In diesem Band tritt Baudelaire mit den Petits Poèmes en Prose und frühen Dichtungen nicht nur als Lyriker, sondern in der Novelle LA FANFARLO auch als Erzähler auf. Zahlreiche der früheren Gedichte des berühmten französischen Autors erscheinen hier erstmals in deutscher Sprache, ebenso wie das Fragment gebliebene Versdrama IDÉOLUS.